Sommerpausenpause


Sommerpausenpause

Der Sommer ist vorbei. Er hat viel heiße Luft gebracht, das unterscheidet ihn also nicht vom ersten Teil dieses Jahres. Um eine Erkenntnis allerdings sind wir reicher geworden: Der Tiefgang ist intensiver geworden, leider im denkbar schlechtesten Sinne des Wortes. Wir müssen ganz hinunter, dorthin, wo es nicht mehr weiter runter geht. Wo beinahe unendliche Finsternis herrscht. Was natürlich immer auch Hoffnung birgt.

Das Land hat sich stabil als Größe etabliert, die in einem Atemzug mit den Visegrad-Staaten genannt wird, vor allem mit Victor Orban. Und nein, korrekterweise, muss ergänzt werden, wird nicht die Partei des Vizekanzlers als Ursache dieser Tatsache genannt, sondern völlig zurecht der Bundeskanzler selbst. Der spielt zwar immer noch ungeniert das dumme Spiel eines Kleinkindes, das glaubt, nicht gesehen zu werden, wenn es sich die Hände vor Augen hält und selbst nichts sieht, das funktioniert aber leider nur in einer Wüste von Presselandschaft wie der hiesigen. Ein paar andere Menschen außerhalb unserer Insel der Rückwärtsbewegung haben ohne besondere Aufmerksamkeit das reaktionäre Potential von Sebastian Kurz erkannt und nennen es auch beim Namen.

So weit, so einfach und unangenehm. Was noch mehr irritiert ist die unglaubliche Frechheit, mit der dann bei mehr oder weniger vollkommen inhaltsbefreiten Quasseleien und Reden als EU-Ratsvorsitzende von Brücken gesprochen wird, die Österreich bauen möchte. Das absolute Gegenteil passiert. Es gibt Ideen, die abgesehen davon, dass die Qualität zu wünschen übrig lässt, definitiv noch nichts eröffnen hätten lassen, was irgendeinen dem Land zuträglichen Sinn machte. Es gibt einen Innenminister, der die Aufmerksamkeit dadurch auf das Land richtet, indem er sein Ministerium als vollkommen unzuverlässig präsentiert und ersäuft parallel dazu langsam, aber sicher in seiner Arroganz, die ihm als einzig mögliches Mittel bleibt, um seine tatsächliche intellektuelle und vor allem fachliche Mittellosigkeit wenigstens eine Zeit lang noch zu übertünchen. In Wahrheit ist er selbst davon paralysiert, dass das Kartenhaus aus Gier und Überheblichkeit sogar in Österreich so schnell zusammenbricht und er in Wahrheit auf Dauer dem nichts entgegenzusetzen hat. Nennt man sein Agieren staatsgefährdend, will er dagegen klagen. Das nennt man Willen zu Zensur. Das wird nicht gehen. Weiterhin wird man beim Namen nennen dürfen, wenn sich jemand idiotisch benimmt, auch ein Innenminister. Er wird sich weiterhin gefallen lassen müssen, kritisiert zu werden wofür er verantwortlich zeichnet, er sollte sich das besser nicht abgewöhnen oder gleich gehen. Von Kanzlerseite hat er nichts zu befürchten, dieser freut sich über seine willigen Trittbrettfahrer, die alle Drecksarbeit für ihn erledigen sollten, derweil er sich von ihnen insofern nur halbherzig distanziert, als er sie einfach nicht in seine Zuständigkeit einreiht. Es ist aber die Drecksarbeit der Regierung und somit auch die Drecksarbeit des Kanzlers, so einfach ist das. Der Wehrsprecher des kleinen Koalitionspartners, der mich durch eine telefonische Stellungnahme im Radio kurz glauben ließ, den Wiener Reichssender erwischt zu haben, meint, in Nordafrika die Heimat verteidigen zu müssen, wie seinerzeit in Stalingrad. Natürlich haben das alle falsch verstanden, und der Kanzler hat mit diesem Mann natürlich nichts zu tun, weil er weder in seiner Partei noch in seiner Regierung sitzt. Ja schon, aber anstatt zu sagen, dass es nicht tragbar ist, wird distanziert. Die ausufernde Gestik des Kanzlers ist vielleicht auf den Versuch zurückzuführen, all das klebrige Zeug auf seinen Händen irgendwann zum Trocknen zu bringen, zum Abwischen ist es schon zu spät.

Längst ist das offene und offizielle Schweigen zu all den Unzumutbarkeiten als klare Solidarität und Einverständnis verstanden worden, das der Kanzler mit seinem Koalitionspartner hat. Es ist der bequemste Weg, so gesehen ist die Idee natürlich nicht schlecht, sich mit einer FPÖ auf den Weg in die Vergangenheit zu begeben. Die Geschichte von der sauberen Kanzlerpartei mit seinem nicht immer artigen Koalitionslauser dazu ist aber schon gegessen, die geht nirgendwo mehr auf, in Deutschland sowieso nicht, trotz Seehofer. Dieser sehr sehr gute Freund wird dem Kanzler auch nicht sonderlich helfen können, wenn es um die eigene Zurechnungsfähigkeit und Seriosität geht. Der deutsche Innenminister ist weit davon entfernt, ernst genommen zu werden, es wird dort nur weniger verschnörkelt und sachlicher beschrieben als in Österreich. Seehofer gilt längst als Patient Nummer eins bei unseren Nachbarn, und das ganze Land fragt sich schon lange, warum die dortige Kanzlerin sich diesen Speil sehenden Auges eingetreten hat.

Es ist nicht davon auszugehen, dass die österreichische Bundesregierung, allen voran der Kanzler selbst, dessen Stimme sich zunehmend überschlägt, ihr eigenes Ansehen international einigermaßen einschätzen kann. Dafür fehlt ihnen die Fähigkeit zur Selbstreflexion, Umfragedaten hin oder her: Das eine hat nämlich mit dem anderen nichts zu tun. Zusätzlich zur Unfähigkeit, die eigenen Fähigkeiten überschauen zu können – sie sind leicht überschaubar – gesellt sich eine ungesunde Portion Narzissmus. Grundsätzlich sollte eine solche Mischung berechtigten Grund zu Sorge um das Land geben. Diese Sorgen haben auch viele, zum Glück, während gleichzeitig viele Stimmen vermisst werden. Vielen gefällt der momentane Zustand offenbar: Rücksichtslosigkeit mit materiell schlecht gestellten Menschen in diesem Land, mit der Umwelt und das gewollte Zertrampeln sozialer Errungenschaften der letzten 70 Jahre. Zur Blüte kommt das offenbar zentralste Bedürfnis, das durch spielverderberische politische Korrektheit unterbunden wurde, nämlich das Pöbeln. Das geht wieder ungestraft und wird gerne praktiziert. Es macht aber durchaus Vergnügen zu kontern – ernsthafte Argumente sind nicht zu hören.

Diese neuen Errungenschaften sind bereits dieser Bundesregierung und, ob er nun will oder nicht und sich davon nun distanziert oder nicht, dem Kanzler höchstpersönlich zuzuschreiben. Produktiv ist gleichzeitig genau nichts Brauchbares geschehen. Die Wirtschaftsdaten und -zahlen, die sich sehen lassen können, haben mit der aktuellen Regierung – noch – nichts zu tun. Weiters schreiben wir ins Stammbuch der Unwissenden und Unreflektierten einmal mehr den weisen Satz von Robert Hochner: Die Rache des Journalisten – und heutzutage aufgrund der technischen Möglichkeiten quasi von allen – ist das Archiv. News können gefaked werden, Erinnerungen auch, Gesagtes und Geschehenes, vielfach aufgenommen und archiviert, allerdings nicht, hier hülfe nur noch (Fehl-) Interpretation. Einen Untersuchungsausschuss wegen einer fragwürdigen und wahrscheinlich nicht dem Gesetz entsprechenden Razzia, der als einzig zählbares Resultat aus dem Innenministerium kommt, wird nicht umdeutbar sein in ein innenpolitisches Meisterwerk. Auch nicht in eine Bagatelle. Der Satz, dass etwas nicht ohne hässliche Bilder gehen wird, ist ebenso unauslöschlich wie unfassbar. In der Zwischenzeit bestätigt sich die Vermutung, dass der Autor dieses Satzes uns sogar daran gewöhnen will – inhaltlich tut er es die ganze Zeit. Er will das Land und die EU an hässliche Bilder gewöhnen. Das mag bei manchen, bei den meisten wird es hoffentlich nicht gelingen.

Schrauben wir doch die gesellschaftlichen Anforderungen und die zivilisatorischen Grundverhaltensregeln an uns selbst ganz bewusst auf das Normalmaß: Dann muss es doch eine Aufregung geben, die nicht mehr überhör- und sehbar sein kann! Raus mit dem Unmut über Leute, die ohne Idee, Übersicht, Bildung und vor allem ohne soziale Kompetenz den Rest des Landes für Idioten halten! Es ist fertig und Schluss mit dem Verständnis für all den Unsinn, der da produziert wird. Das Land ist zu reich, als dass es von durchschnittlichen Marketierern als völlig ideenfreies Startup für die Marketierer selbst und für sonst niemanden geführt wird.

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