Walter Schaidinger


Tempo mit Ablaufdatum

Es gibt einen hochbegabten Ex-Politiker aus einem kleinen Bundesland, das selbigem zu klein wurde, nachdem er höhere Sphären vermittels österreichischer Bundesregierung hat schnuppern dürfen. Dieser von der Natur mit außerordentlichen sprachlichen Talenten gesegnete Herr kann neben dem Kunststück, im Jahr 2018 in einen Aufsichtsrat für den Brennerbasistunnel gehievt zu werden, auch die Meisterleistung an seine Fahnen heften, dass auf einer Autobahn mit 160 Sachen gebrettert werden durfte. Jedenfalls ist diese Idee so toll, dass der aktuelle Verkehrsminister eine ganz ähnliche Idee nun auf den Tisch knallt, aber es weniger ungeschickt anstellt als seinerzeit das im Vorarlberger Minimundus eingeklemmte Genie. […]


Mangel

Der holländische Architekt Rem Kolhaas hat in einem Interview die Feststellung gemacht, es herrsche ein Mangel an Mangel. Treffender kann das derzeitige Dilemma nicht auf den Punkt gebracht werden, ein Dilemma in Gegenden wie Europa und USA und ein paar noch dazu, wohlgemerkt. In ziemlich vielen anderen Gegenden herrschen durchaus keine Mängel an Mangel. Und damit dieser Mangel bleibt, wo er herkommt, setzen wir alles in Bewegung, um einen nun schon Jahre dauernden Stillstand in der Evolution der Globalisierung einzuzementieren. Ein paar Zahlen: Im Syrienkrieg wird die Zahl der Toten über den Daumen auf eine halbe Million geschätzt. Es […]


Viele Hochzeiten und ein Bundeskanzler

Je weniger vom österreichischen Bundeskanzler in Österreich zu hören ist, umso erstaunlicher ist, zu welchen Geschichten er gar nichts sagt. Nun ging er auf Reisen. Daheim war es ohnehin gerade eher ungemütlich, da ist eine kleine Abwechslung ins gelobte Land willkommen. Folgendes trug und trägt sich nämlich im eigenen Hause zu: Ein Innenminister, der gerne das Land mit berittener Polizei verzieren möchte, ist parallel dazu sogar zu unfähig, ein Ministerium blau einzufärben. Das Ablenkmanöver mit den Rössern hilft nicht. Alle suspendierten Komfortbremsen kommen zurück wie Bumerangs. Was alles an Informationen erwiesenermaßen beschlagnahmt wurde, lässt staunen und hoffen, dass nicht […]


Der Schrei nach Veränderung

Es gibt für Menschen unzählige Gefühle. Sympathie, weniger Sympathie, Liebe, Hass, Neid, Angst. Es wird viel Werbung in diesem Land für die letzten beiden gemacht. Manche scheinen Angst und Neid schon immer zu haben und meinen seit einiger Zeit, dass es an selbiger wäre, dass der Rest des Landes nun auch endlich Angst hat, vor anderen Menschen, die zum Beispiel keine blauen Augen haben, zu wenig saufen, zu wenig oder keine Pomade in ihre Haare schmieren oder zu wenig blöd sind. Das funktioniert auch ganz gut. Ganz nebenbei wird ein Gefühl suggeriert, dass es wirtschaftlich gar nicht gut aussieht […]


Vorbei sein ist alles

Ein eitles Bin-schon-weg-Spiel hat ein Oberösterreicher mit Arbeitsplatz in Kärnten gespielt, er hat es sogar zu Ende gespielt. Sein Nachfolger spielt gar nichts, der ist einfach da, überreizt, vom eigentlich Nichtdagegenseindürfen genervt, falsche Bühne, falsche Rolle, falsches Stück. Der Kanzler ist einfach nicht da, wenn es unangenehm ist. Fragen beantwortet er nicht. Das alles ist vollkommen belanglos im Vergleich zu dem, was gerade anderswo vor sich geht. Nämlich die völlige Loslösung von allem. Es geht um ein Leo, in dem niemand erreicht werden kann. Ein Ort, an dem es keine Rolle spielt, ob jemand schon oder noch da ist […]


Keine Nachrichten

Ohne Nachrichten lebt es sich bedeutend besser. Ein Wochenende lang waren keine zu hören und zu sehen, oberhalb der Baumgrenze, obwohl dort bestimmt sogar im tiefsten Kanickelbau der Empfang glasklar ist. Das allgemeine Wohlbefinden ist gestiegen, daher der Beschluss, diese Enthaltsamkeit fortzusetzen. Selbstverständlich hat mich noch die eine oder andere Überschrift gestreift, aber ich habe sofort reagiert und beschlossen, als Startseite für den Internetzugang des digitalen Arbeitsplatzes eine neue Idee zu finden. Auf der Suche danach habe ich eine Seite namens “Wohlfühlen leicht gemacht” gefunden. Der Mann, der diese Seite betreibt, nennt sich André Thoene, ein bemerkenswerter Zufall oder […]


Aufrechts

Tränen der Rührung fließen über unsere Antlitze, hören und sehen wir, wie entschlossen gegen jeden, aber schon jeden Extremismus in diesem Land im Kreise der Regierung aufgestanden wird. Der Kanzler hat offenbar erst nachfragen müssen, um sich zu entschließen, rechtsradikale Texte doch nicht zu mögen. Einen Reflex gegen Rechtsextremismus scheint er nicht zu besitzen, wie denn auch: Jemand mit Abneigung gegen rechtsextreme Tendenzen würde nicht mit ehemaligen Wehrsportkämpfern Politik machen wollen. Mit einem Mann, der von seiner Fangemeinde des Verrats bezichtigt wird, weil er sich gegen Antisemitismus und sonstige gesellschaftliche Unzumutbarkeiten ausspricht. Die Saat geht also auf, zumindest auf […]


Ha-Ha!

Ha-Ha! Es ist das Ha-ha von Nelson, einem Mitschüler von Barth Simpson. In Noten klingt dieses Ha-ha zum Beispiel C – A, C-Dur, das typische Ätsch – Ha-Ha, weltweit verbreitet, Esperanto quasi. Im Moment lässt es sich in unserem Land ganz gut verwenden. Es enthält ausreichend Gehässigkeit, ist aber nicht ganz gemein, und außerdem ist ein Lachen nicht zu verbergen. Es ist eigentlich flächendeckend zu verteilen, muss man nicht zielen. Also, ein großes, allgemeines Ha-Ha fürs Alpenland einmal zu Beginn. Schauen wir uns ein paar Details an in diesem großen Ganzen, das uns in diesen Tagen staunen lässt, obwohl […]


Missverständnis

  Meine Güte, was habe ich nicht alles falsch verstanden im letzten Jahr. Und welche Zweifel ich gegenüber jenen hatte, die die neuen nationalen und sozialen Heimatparteien gewählt haben, nämlich dass sie sich eventuell ins eigene Fleisch schneiden würden. Ich habe alle fürchterlich unterschätzt. Ich habe einfach nicht bedacht, dass das Wählen dieser zwei so herzlich patriotischen Bewegungen eine bedingungslose Solidaritätsbekundung an unsere Minderheiten ist. Ich habe nicht überrissen, dass unser Volk die paar armen Teufel, die mit einem vielfachen leben müssen im Vergleich zu uns, einfach unterstützt und ihnen so ihre weitere Existenz sichert, ohne Scheu und mutig […]


Salat Mimosa

Salat Mimosa   Werden Bilder im Fotoshop bearbeitet, verändern sie sich bis zur Unkenntlichkeit. Nur die Trägersubstanz bleibt vage erkennbar. Alles ist Hochglanz. Bevor es Zeit ist, wird alles aufpoliert, ganz wie ein potjomkinsches Dorf. Zitat zur Beschreibung dieses Phänomens: […] Allgemeiner werden „gut aussehende“ Objekte bezeichnet, die tatsächlich schlechten Zustand verbergen. Es wirkt ausgearbeitet und beeindruckend, doch es fehlt ihm an Substanz.   Wenn nun die Zeit angebrochen ist, also nicht mehr in der Ferne, sondern ganz echt da, ist meist fertig mit Fotoshop, keine Zeit mehr dafür. Dann wird es erst richtig spannend. Über die bröckelnden Häuser […]


Enttäuscht II

“Nein! Wenn ich ein echter Seher wäre, hätte ich vorhergesehen, dass ihr eine VII würfelt, dann hätte ich VIII gesagt, denn dann hättet ihr mich nicht für einen Seher gehalten, weil ihr ja eine VII gewürfelt habt und keine VIII.” Diesen Satz sagt ein Scharlatan namens Lügfix, dem gerade zum Verhängnis wird, sich als Seher ausgegeben zu haben. Leider hatte er einmal, ein einziges Mal, die richtigen Zahlen, nämlich V und II, vorausgesagt, als ein Zenturio ihn dazu auffordert. “Der Seher” ist wohl eines der Meisterwerke des grandiosen Geschichtenerzählers René Goscinny in der Sammlung der Asterix-Bände. Es zeigt auf […]


Enttäuschung

Ein Besuch einer Documenta lohnt sich immer. Wenn auch viel zu kurz geraten, korrigiert sich die Sicht der Dinge allemal und eröffnet neue Perspektiven. Den großen Knaller habe ich nicht gefunden. Gefunden habe ich Enttäuschung. Enttäuschung über den Zustand der Welt. Flucht und Vertreibung waren selbstverständlich präsent. Bemerkenswert die Blutmühle, eine Münzpräge im kolonialisierten Südamerika, deren gewaltige Zahnräder von Eseln und schließlich von Menschen betrieben wurden. Ein exakter Nachbau davon steht am Gelände, und um 18.00 darf man dann selbst sich einspannen lassen, damit man genau weiß, wie es sich anfühlt, unterdrückt zu werden. Danach fahren wir wieder heim, […]