Ribbons


Frohes neues Jahr! Ein Freund hat eine schöne Verrenkung gemacht mit der verkürzten Version des Glückwunsches in Form von “Frohes Neues”, hat es umgedeutet, quasi angliziert, in “frozen noise”, was zurück übersetzt so viel bedeutet wie “gefrorener Lärm”. Das macht keinen weiteren großen Sinn, das machen aber sehr viele Dinge, und zumindest macht es Spass und bleibt in Erinnerung. So entfleucht mir gedanklich schon seit Tagen jedes mal, wenn ich an einer Gemüsevitrine vorbeikomme, die Übersetzung von roten Rüben in red ribbon. Auch Unsinn, aber es hat mich dazu bewogen nachzusehen, welche Schleifen es gibt. Die rote Schleife ist eine bedeutende natürlich, aber es gibt eine Menge anderer.

Allgemein bekannt ist die schwarze Schleife, sie steht für Trauer, in jeglicher Hinsicht, darum wohl ist in manchen Regionen dieser Erde schwarz durch eine lebendigere Farbe ersetzt worden, was die Sache aber nicht frischer macht. Weiß ist übrigens auch eine ziemlich weltweit verbreitete Farbe für Trauer, für Westen weniger. Ins Auge springt eine bunte Schleife: rot, blau und schwarz. Im Rot steht der griechische Buchstabe Pi. Die Schleife ist das Zeichen für Polyamorie, was bedeutet, dass jemand mit mehreren Personen Liebesbeziehungen pflegt und dies allen bekannt ist, die Schleife ist also ein Zeichen für Paarungsbereitschaft. Betrachtet man diese farbliche Konstellation aus einem politischen Winkel, könnte der Buchstabe Pi als Kreiszahl das Symbol für eine mögliche Quadratur des Kreises dieser Farbkonstellation sein.

Es gibt weiters ein paar einfarbige Schleifen, die ebenso wie die rote Solidarität mit Menschen mit bestimmten Krankheiten zeigen, da sollte man die weiße Schleife gleich dazuzählen: sie ist das Signal gegen häusliche Gewalt. Die grüne Schleife lässt schon einmal die Augenbrauen heben und zaubert, zumindest mir, ein sanftes Lächeln auf die Lippen. Sie steht für mentale Gesundheit und die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten.

Richtig bemerkenswert aber sind die zwei Schleifen, in deren Farben unser Land eineinhalb Jahre verzaubert wurde. Ob Sie das nun glauben oder nicht, die blaue Schleife steht unter anderem für Meinungs- und Redefreiheit. Für die Ehemaligen, also die ehemaligen Mitregierenden, mag das so stimmen. Sie sind immer dafür, wenn es sie selbst betrifft. Für die eigene Meinungs- und Redefreiheit, das ist zu hören und zu lesen. Sehr deutlich sogar, und damit auch niemand suchen muss, stehen diese intellektuell hochwertigen und stets ausgewogenen Kommentare über andere Menschen gleich auf den offiziellen Seiten diverser Social Media auch der höchsten Vertreter der Partei des kleinen Mannes. Aktuell ist es eine Person, die den völlig korruptionsunanfälligen und redefreiheitsliebenden Kollegen so gar nicht ins Konzept passt. Jemand, dessen Wurzeln nicht auf einem Alpengipfel vergraben liegen, kann doch um Himmels Willen nicht Ministerin werden. Darum machen sie aus einer medienrechtlichen Verurteilung in erster Instanz quasi gleich eine Vorstrafe – der alte und neue Bundeskanzler spricht in einem Morgenjournal auch von einer strafrechtlichen Verurteilung, das kommt davon, wenn man seine Gedichte nicht ordentlich lernt oder ein Schelm, wer und so weiter. Fachlich gibt es an der vom rechten Mob verfolgten Person nichts zu kritisieren, wobei zu bezweifeln ist, dass die ehemalige Vizekanzlerpartei Kompetenzen einschätzen kann, allen voran die eigenen. Mit dem Filmstar haben sie quasi eine ordentliche Beschäftigungspolitik, weil sie zwar selber noch immer keine große Sache sehen im schönsten und längsten Film des Jahres 2019 aus dem Jahr 2017, aber eindeutige Offenheit zu Korruption passt halt nicht so gut ins Marketingkonzept, vor allem, wenn man sich selbst als supersauber bezeichnet, und von selber wollte er nicht gehen. Wie gesagt, blau steht für Meinungsfreiheit, das wäre doch ein Mascherl, das sich gerade jetzt, im Fasching, anheften lässt.

Dazu ergänzen wir im Handumdrehen die Themen, für bzw. gegen welche die blaue Schleife noch steht: Gegen Stalking und Mobbing. Ob Hasspostings unter Mobbing fallen oder einfach nur unter aller Sau sind, ist egal: die Dreckschleuder ist aufmunitioniert. Es stimmt immer noch nachdenklich, welche Gesellen in eine Regierung gehievt worden sind. Jeden Tag beweisen sie, dass es kein Drehbuch auf der ganzen Welt gibt, das solche Blödheiten, Unarten, miesen Ideen, schlechten Gedanken und sonstigen Quatsch, der nicht einmal mehr zu bezeichnen ist, erfinden könnte. So habe ich große Probleme mit dem Vergessen. Es geht nicht so schnell, wie ich es gerne haben möchte, zu regelmäßig rufen sie in Erinnerung, in welchen Niederungen sie sich bewegen. Wenn so ungenaue Angaben ganz unversehentlich passieren, wenn straf- mit medienrechtlich vertauscht wird, kommt die Erinnerung an die Harmonie in türkis-blau und die Erinnerung, dass das andere auch schon sehr gut können. Und etwas hat der alte neue Kanzler schon noch hinzufügen müssen: dass Hasspostings weder von links noch von rechts, genau in dieser Reihenfolge, zu akzeptieren seien, nachdem er der attackierten Ministerin mit auf den Weg gegeben hat, so etwas aushalten zu müssen, und sich selbst ganz schnell noch als Opfer dargestellt hat. Er ist noch gut im Fahrwasser der letzten gewählten Regierung. Die Ministerin für Integration benützt auf eine Frage zu politischem Islam und zu bekämpfenden Erscheinungen von Extremismus die selbe Reihenfolge wie der Chef: Linksextremismus, Rechtsextremismus, islamistischer Extremismus, alles ganz brav richtig aufgesagt. Finde ich auch alles nicht knorke, bloß: es gibt, ganz ehrlich, in diesem Land keinen Linksextremismus, und die Grenze zum Rechtsextremismus hat das schwarztürkise Chamäleon verwischt. Das vergessen wir alles nicht.

Womit wir bei türkis bzw. meergrün wären, wie es auch genannt wird. Diese Masche wird am Welttag des Stotterns getragen, der am 22. Oktober als Abschluss einer dreiwöchigen internationalen Onlinekonferenz begangen wird. Von Stottern kann bei türkis aber keine Rede sein, im Gegenteil, geschmierter und langweiliger kann gar nichts erzählt werden. Ich denke, dass gedanklich-inhaltliches Stottern damit übertüncht wird. Es gibt stotternde Menschen, die beim Singen und Rappen dieses Handicap nicht spüren. Vielleicht ist es genauso beim Vortragen von Gedichten und Texten. Wobei in diesen Fällen das Stottern wirklich auf inhaltliche Leere zurückzuführen wäre, müsste diese in eigenen Worten erzählt werden. Wer weiß es? Stottern hat, soweit ich informiert bin, sowohl psychische als auch physische Ursachen. Es gibt verschiedene Varianten, als psychisches Handicap oder Krankheit würde ich es niemals kategorisieren, also stigmatisieren. Aber vielleicht ist die neue Regierungskonstellation auch gar nicht ungünstig, wenn, zumindest nach den Schleifchenfarben, türkis auf grün trifft. Wobei eine systemimmanente Gefahr droht: Die Entstigmatisierung von rechtsrechter Politik des großen Koalitionspartners.

Trotzdem macht das alles insgesamt Hoffnung. Gleichzeitig muss man sich die Schleife der Trauer anheften, weil in diesem Land von einem befremdend großen Narrensaum bereits jede und jeder als links nicht nur bezeichnet, sondern gerne stigmatisiert werden würde, wer sich für eine brauchbare Umweltpolitik einsetzt. Wie nennt der witzigste Exinnenminister die neue Regierung? Greta-Koalition. An diesem Menschen ist alles klein und verkümmert. Dafür gibt es nicht einmal Schleifen. Das größte neue Manko: die Ausländerfeindlichkeit hat der Kanzler längst übergenommen und frisch und schick angezogen, dass es nicht gar so plump klingt, nun bleibt nur mehr die Umwelt, auf die eingedroschen werden kann, und das könnte, so wie das meiste, was sie tun, irgendwie in die Hose gehen. Der Stein, den sie Sisyphos gleich ständig auf den Berg rollen, sind sie selber, das macht an der ganzen infamen Tragödie wenigstens ein kleines bisschen Vergnügen. Schade für das Land dabei ist, dass manche gelegentlich glauben, ihnen dabei helfen zu müssen. Das Befremdende ist, dass jene, die helfen, sehend gegen eine Wand rennen und dafür hinterher belohnt werden, Erwin Ringel fehlt mir dieser Tage sehr.

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