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ON LOVE oder Was bedeutet Feminismus heute?

02.11.2017 - 04.11.2017

Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.” (Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte)

Hundert Jahre nach der großen Oktoberrevolution, die von Textilarbeiterinnen initiiert wurde, ist es angebracht, uns selbst zu fragen: “Können wir es noch einmal machen?” Oder haben wir uns im Rachen der postmodernen Relativität und Vielfalt verloren? Das Thema von queerograd dieses Jahr wird die gemeinschaftliche Erforschung von zeitgenössischen Positionen des Feminismus sein. Im Gegensatz zum Corporate- oder Lean-In-Feminismus – verkörpert in Hillary Clintons Präsidentschaftskampagne oder im neu gegründeten W20, einen so genannten G20-Dialogprozess – wollen wir unsere Bindung an die linke Analyse aufrechterhalten, aber die Melancholie und die konservativen Gewohnheiten der Linken loswerden. Im Gegensatz zu einer legalistischen, technokratischen Herangehensweise an die Rechte der Frauen wollen wir die Gefühle und Empfindungen – auch die der Trauer, Wut und Angst um gebrochene Versprechen und verlorene Bereiche – nutzen, um an den kritischen und visionären feministischen Geist anzuknüpfen und durch verschiedene künstlerische, theoretische und aktivistische Praktiken unsere Objekte der Liebe artikulieren – das, woran wir glauben und wofür wir stehen!

Am Internationalen Frauentag des Jahres 1917 (23. Februar nach julianischem Kalender) verließen Frauen in der Textilindustrie ihre Fabriken, um in Petrograd für Brot und Frieden auf die Straße zu gehen. In Scharen begaben sich die Frauen auf die Straßen, als  Arbeiterinnen, Schwestern, Mütter, Ehefrauen oder Freunde von Soldaten an der Front. Die Proteste der arbeitenden Frauen waren so bedrohlich, dass sogar die Sicherheitskräfte des Zaren sich nicht mit den üblichen Maßnamen gegen die Aufständischen vorzugehen wagten und stattdessen diesem zornigen, stürmischen Aufmarsch verwirrt zuschauten.Die Frauen profitierten an diesem Tag von alten Vorurteilen; waren sie doch in den Augen der russischen Kapitalisten die am stärksten unterdrückte, sozial rückständigste Gesellschaftsgruppe und der scheinbar gehorsamste Teil der Arbeiterschaft gewesen. Auch die vorrangig männlichen, sozialistischen Machthaber Petrograds hatten nicht damit gerechnet, dass der internationale Frauentag zu einem Katalysator für eine derartige Revolution werden könnte. Eine grobe Fehleinschätzung. Das Vorgehen der undisziplinierten, ungehorsamen Frauen, zu denen parallel das traditionelle Bild der rückständigen Arbeiterin existierte, führte zu folgenschweren Hungerrevolten und Massenstreiks, die letztendlich zum Fall des Zaren Nicholas führten. Seit seiner Geburtsstunde im Jahre 1910 hat sich der internationale Frauentag als exzellente Methode zum Aufruhr unter Frauen entpuppt, die sich ansonsten nicht politisch engagierten, sowie zur Stärkung der internationalen Solidarität von Frauen. Die Geschichte und die Folgen der Februarrevolution in Russland können erst dann verstanden werden, wenn man über das Wissen um die Teilnahme der Frauen an Demonstrationen, politischen Aufmärschen, verschiedenen Formen von weiblichem Aktivismus verfügt, in der es nicht um irgendwelche imaginären Ideale von Fraulichkeit ging, sondern um viele echte Frauen, die ihre Rechte einforderten und aktiv Geschichte schrieben.

Ein Jahrhundert später, zu Beginn des Jahres 2017, am 21. Jänner, versammelten sich Menschen unterschiedlichster Herkunft und Hintergründe angesichts von Angriffen auf öffentliche Dienstleistungen, politische Persönlichkeiten und auf Menschenleben, um ein Zeichen für Würde, Gerechtigkeit und Freiheit zu setzen. Der historische Women’s March fand am ersten Tag der Trump Administration statt. Millionen Frauen und Männer fluteten die Straßen der USA, um ihrer Abneigung und Opposition gegenüber Trump Ausdruck zu verleihen. Der neu gewählte US-Präsident, trotz mehrfacher Vorwürfe des sexuellen Übergriffs auf Frauen, war nun mit der Befugnis ausgestattet, eine politische Agenda zu verfolgen, die das Leben von Frauen zweifellos schwieriger machen würde. Nachdem sich am 21. Januar deutlich gezeigt hat, welch Potenzial für eine Rückkehr der feministischen Bewegung existiert, wurde zum International Women’s Strike (IWS) aufgerufen. Die Botschaft dieses Streiks richtete sich jedoch nicht ausschließlich an Trump und seine frauenfeindliche Politik, sondern auch gegen die Umstände, die den Präsidenten Trump überhaupt erst möglich gemacht hatten: Die jahrzehntelange wirtschaftliche Ungleichheit, rassistische und sexuelle Gewalt sowie imperialistische Kriegshandlungen. Über Jahre hinweg war dem Internationalen Frauentag keine Beachtung mehr geschenkt worden oder war entpolitisiert. In diesem Jahr hingegen streikten Frauen, ungeachtet dessen, ob sie bezahlte oder unbezahlte Arbeit verrichteten, in mehr als 50 Ländern, und Millionen schlossen sich der Möglichkeit eines direkten Streiks an. Auf der ganzen Welt riefen feministische und sozialistische Organisationen sowie Graswurzelbewegungen zur Verteidigung von Reproduktionsrechten auf und zum Kampf gegen jene Gewalt, die als wirtschaftliche, institutionelle und zwischenmenschliche Gewalt verstanden wird. Von Thailand bis Polen, von den USA bis Australien wurden Aktionen an beiden Fronten, der innenpolitischen wie industriellen, in Gang gesetzt, jedoch ohne den Lauf der Geschichte merklich zu ändern. Der International Women’s Strike war, verglichen mit jedem anderen Jahr seit 2008,  ein qualitativer und quantitativer Sprung hinsichtlich der Wiederbelebung einer internationalen, sozialen Bewegung gegen Neoliberalismus und Imperialismus, dennoch wird es lediglich ein Tag voller Aktionen bleiben, der die massive (Un)Fähigkeit moderner Massenbewegungen aufzeigt.

Eine farcenhafte Wiederholung: Während der Börsensturz von 1929 den Aufstieg des Faschismus in Europa und den Beginn des zweiten Weltkrieges zur Folge hatte, zählten massive Rettungspakete für Finanzinstitute und der Aufstieg des sogenannten Post-Faschismus zu den Auswirkungen des letzten globalen Konjunkturabschwungs im Jahre 2008. Die Finanzkrise von 2008 halten viele Ökonomen für die schlimmste Finanzkrise seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er. Die massiven staatlichen Sparmaßnahmen und gleichzeitigen Finanzspritzen in das gebrochene, private Bankenwesen waren die Auslöser für großen Unmut unter der Weltbevölkerung. Der Widerstand gegen die neoliberale Politik war groß und formierte sich in Organisationen wie Occupy, Gezi Park, Black Lives Matter, zahlreichen Studentenprotesten, Arbeiterstreiks, und Standing Rock. Sie alle brachten Menschen zusammen, um als Einheit gegen soziale Ungleichheiten zu kämpfen. Die Antwort vieler lokaler Regierungen: Drakonische, restriktive und unterdrückende Maßnamen, die in der Anti-Einwanderungspolitik kulminierten. Ein fruchtbarer Boden für die ultrakonservative Rhetorik. Doch ihr Wiederaufleben war eine Farce. Der Post-Faschismus (G.M Tamas) ist ein Konzept, das versucht einen Mutationsprozess zu erfassen, der immer noch im Gange ist. Die heutigen “Post-Faschisten” sind zwar an die historische “faschistische Matrix” gekoppelt, zugleich weichen sie jedoch vom historischen Faschismus ab. Immer noch rechtsaussen angesiedelt, chauvinistisch und fremdenfeindlich, haben sie ihre Nische in der politischen Landschaft gefunden, ohne die vorherrschende politische Struktur der Wahldemokratie und der repräsentativen Regierung umzuwerfen. Selbstdarstellend, als Verfechter der Demokratie, lehnen sie die universelle Staatsbürgerschaft ab und somit gleichermaßen das Recht auf gleichberechtigte, politische Mitbestimmung. Obwohl es den Anschein hatte, dass die Staatsbürgerschaft kein Privileg sein könnte, beschränkt auf bestimmte Bevölkerungsklassen, Rassen, Geschlechter, politische Gesinnung, Moral, Berufe, Patronanz und administrative Ermächtigung, werden wir von der gegenwärtigen Realität eines Besseren belehrt.

Dieser radikale, konservative Umschwung, getarnt als Bewegung zur Verteidigung der Demokratie und westlicher Werte, war allein aufgrund von gegenwärtigen Zuständen möglich, die von der “Postmoderne” (David Harvey) geprägt waren.  Obwohl er bloß ein weiterer “Ismus” zu sein schien, brachte der Postmodernismus tiefgründige Veränderungen der Standards hinsichtlich Sozialkritik und politischer Praktiken. Wenn die neoliberale, soziale Restrukturierung die innere Wahrheit der Postmoderne darstellt, dann ist ihr Hauptmerkmal oder ihre Praktik heutzutage “Pastiche” (Frederic Jameson). Pastiche bedeutet die Imitation eines eigenartigen oder einzigartigen Stils, das Tragen einer stilistischen Maske, der Rede in einer toten Sprache. Er stellt eine neutrale Art der Nachahmung dar, ohne Hintergedanken, ohne satirischem Impuls, ohne Lachen; eine Parodie ohne Humor. Als leere Parodie, ohne politischen Sarkasmus, war er ein geeignetes kulturelles Mittel um den rechtsextremen Diskurs zu normalisieren. Obwohl sie die Verfechter der Demokratie imitieren, verlangen die heutigen Postfaschisten, dass die Grenzen für Flüchtlinge und Migranten geschlossen werden, die Abschaffung der Abtreibung, die Revision der Geschichtsbücher über den Zweiten Weltkrieg und die Rückkehr traditioneller (westlicher) Werte, die streng mit dem weißen, christlichen, patriarchalen Familienbild verknüpft sind. Indem sie für ihre politischen Marketingzwecke das Mittel der Nachahmung anwenden, wie „Pink-Washing“ oder das „Zipper System“, verpassen sie sich selbst ein neues Image. Und es gibt keinen Platz für Humor.

Wenn der Anstieg anti-faschistischer Bewegungen die historische Antwort auf den Faschismus war, dann müssen wir die Bedeutung von Anti-Faschismus aktualisieren, passend zur derzeitigen politischen Situation. Anti-Faschismus war der Inhalt der Linken, jedoch erfahren wir seit dem Ende des 20. Jahrhunderts die “Krise der Linken”. Die Zerlegung des Sozialismus als Sozialprojekt und der Aufstieg des neoliberalen, weltweiten Kapitalismus hat die innere Zerteilung und Zerstreuung der Linken vertieft (was schließlich nicht unbedingt ein Hindernis für größere Demokratisierung ist). Die berühmte “Left Melancholia” (Stuart Hall) repräsentiert nicht nur eine Verweigerung, um sich von diesem Frust zu erholen, sondern auch eine Verweigerung, angemessene Strategien zu überdenken in Anbetracht politischer Identitäten zur Mobilisierung, Allianzbildung oder Transformation. Die aktuelle Linke klammert sich oft an die Ideen einer anderen Epoche, eine in der die Vorstellungen von vereinten Bewegungen, gesellschaftlicher Absolutheiten und Klassenpolitik realisierbare Kategorien politischer und theoretischer Analyse. Die strukturelle Analyse und die traditionelle Klassentheorie können uns helfen, die aktuellen gesellschaftspolitischen Prozesse zu verstehen, aber es ist der ideologische und kulturelle Rahmen, der des Menschen subjektives Verständnis für seinen Platz in der Welt formt.

Folglich, wenn wir eine neue, starke, anti-kapitalistische und transglobale feministische Bewegung bilden wollen, ist es wichtig, unsere Position in der aktuellen kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen und unsere politischen Visionen zu artikulieren. In der heutigen Zeit zählt die Forderung nach Frauenrechten zum politischen Mainstream, dennoch sind die Rechte allein nicht genug, sondern wir müssen auch lernen, davon Gebrauch zu machen. Die Wahl Donald Trumps, eines Mannes, der der Beleidigung “sexistisches Schwein” neues Leben eingehaucht hat, macht deutlich, dass das Wahlrecht wie die 2 Seiten einer Münze ist. Da das Ziel einer aktiven Zugehörigkeit zur politischen Gemeinschaft ein langer historischer Kampf der Linken war, müssen wir auf die heutigen Einschränkungen hinsichtlich Staatsangehörigkeit reagieren. Unser Vergoldetes Zeitalter des globalen Kapitalismus, das sich in jeden Winkel der Welt ausgebreitet und in jede menschliche Beziehung integriert hat, verlangt neue Formen der Organisation und des Widerstands. So gesehen ist eine Wiederholung der Errungenschaften der Februarrevolution unmöglich. Dennoch lasten die Fesseln der Familie, der Hausarbeit, der Prostitution und anderer Formen billiger Arbeit schwer auf der Frau. Es ist unsere Aufgabe und Verantwortung, neue Arten und Formen des Kampfe gegen die Welt des Leidens, der Erniedrigungen, der Ungleichheit zu finden, die das Leben von Frauen so schwierig machen. 

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Beginn:
02.11.2017
Ende:
04.11.2017