“Ich bin doch nicht die Muddi!”- Das Muttiphänomen in Geschichte und Gegenwart


Wenn man über das „Muttiphänomen“ schreibt, kommt man (zumindest in Deutschland) um Angela Merkel kaum herum, die ja des öfteren als Mutti tituliert wurde. Da die Minsterpräsidenten auch oft als „Landesväter“ bezeichnet werden und damit in einer paternalistischen Tradition stehen, ist die Mutti-Wende zumindest ein kleiner Progress in Richtung Matriachat (Österreicher*innen werden vielleicht an ihre Ur-Mutter Maria Theresia erinnert sein).

Allerdings wird die Bevölkerung in diesen Titulierungen zu kleinen Kindern degradiert, die der elterlichen Fürsorge bedürfen oder ihr ausgesetzt sind, je nachdem. Eine emanzipative Betrachtung politisch-repräsentativer Strukturen sieht anders aus. Pegida-Demonstrant*innen, die mit „Mutti muss weg“- Rufen auftreten, haben das Prinzip der politischen Repräsentation wohl nicht so wirklich verstanden. Oder steckt dahinter einfach ein primitiver antifeministischer Impuls, ein „Ab in die Küche“, der mehr schlecht als recht den Ärger darüber verbirgt, dass eine Frau eine mächtige Position einnimmt? Ein Mutti-Bezug, der an eine Fürsorglichkeit appelliert, ist wohl kaum anzunehmen, zumal Angela Merkel nicht gerade für ihre Sozialpolitik bekannt ist.

„Ich bin doch nicht die Muddi!“* ruft die gestresste Redaktionsmitarbeiterin als Antwort auf zu oft gestellte Fragen über die Flure. In diesem Zusammenhang erscheinen „die Muttis“ wohl als die, denen man meint alles aufhalsen zu können. Durch inszenierte oder echte Hilflosigkeit hofft man die unliebsame Aufgaben auf eine Dritte (die Mutti) abwälzen zu können. Ersatzweise wäre auch ein „Übernehmen Sie, Watson!“ möglich.

„Das kannst du deiner Mudda erzählen“ galt in meiner Schulzeit als Antwort auf unglaubwürdige Geschichten, die einem keiner abkauft. Allerdings trat bald, in Anbetracht vieler entschwundener Väter, die Wende zu dem Ausruf „Das kannst du deinem Vadder erzählen“ ein.

Nach dem Propaganda-Ideal der „deutschen Frau und Mutter“ begrüßen Nazis damals und heute die Gebärfreudigkeit, bzw. wollen sie befördern, allerdings nur, wenn die Gebärenden ihrer Rassenideologie entsprechen. Julia König schreibt in ihrem Text „Deutsche Marken Mutter“ von Herkunft und Wiederkehr eines idealisierten Mutterbildes und Verwebungen mit rassistischen und antifeministischen Bevölkerungsdebatten.

Mütterlichkeit wird auch oft mit Aufopferung assoziiert. Die verhärmte Frau in grauen Röcken, mit gebeugtem Rücken, der der letzte Lebenssaft abgepresst wurde. Eine Entsaftung durch die eigene Brut. Denn „die Verhältnisse, die sind halt so“ – oder, lasst sie uns umwerfen!

Durch die Verhältnisse ihrer Zeit, durch den 30-jährigen Krieg, werden der Mutter Courage die Kinder geraubt. Trotz ihrer resoluten Art kann sie das nicht verhindern. Vielleicht ging es Brecht dabei auch darum, ein Durchhalten zu zeigen. Vielleicht auch eine Muttieigenschaft? Die liebende Mutter zeigt Brecht dagegen im kaukasischen Kreidekreis als diejenige, die zum Wohle des Kindes auf den grausamen Kampf um das Kind verzichtet. Sie ist damit auch die „richtige“ Mutter.

Sowohl die Bezeichnungen von „Mutter Natur“, als auch die des „Mütterchen Russland“ (dagegen sorgt Väterchen Frost nur für kalte Füße und wurde vergeblich versucht vom Parteibüro als Anti-Nikolaus etabliert zu werden) könnten von Wünschen nach einer heimeligen Umwelt zeugen. Eine Umwelt, die dem Sprössling (der nicht erwachsen werden will oder kann) bedingungslose und unbegrenzte Fürsorge angedeihen lässt. Aber bei solchen Psychologisierungen ist wohl Vorsicht geboten, das ist dünnes Eis, und Vorsicht ist schließlich die „Mutter der Porzellankiste“.

Der „Mutterinstinkt“, der zum Schutz der eigenen Abkömmlinge bläst, wird Lehrpersonal hinlänglich bekannt sein. Die Schuld kann nie bei den eigenen Frischlingen liegen, die „Verteidigung der Brut“ wird auch bei vergleichsweise geringfügigen Angriffen zur existentiellen Frage.

Allerdings kann dieser „Instinkt“ genauso auch bei Vätern vorkommen. So soll Harry Truman, als ein Musikkritiker über die singende Margaret Truman schrieb, „sie würde so singen, wie eine Präsidententochter eben singt“, mit voller Verve geantwortet haben. Trumans Drohbrief an einen Journalisten der New York Times wurde später für einen hohen Preis versteigert. Im Brutschutz sind Muttertier und Vatertier, zumindest in der Menschenwelt, wohl doch einträchtig vereint.

Ein Muttibild ganz anderer Art entwirft der Sänger Romano (im Musikvideo wird die Mutti übrigens genial durch Katharina Thalbach dargestellt). Seine Mutti haut auf die Kacke, sagt ihre Meinung (auch wenn sie niemand hören will) und genießt ihr Leben in vollen Zügen (mitunter aus der Schnapsflasche) und auch wenn es nicht immer mit geltenden Normen und Gesetzen übereinstimmt. Ganz nach dem Motto: „Wer hat die Hosen an, geht wie ein Dobermann, Mutti! Meine, meine Mutti!“

Um sich als Frau, die von konventionellen Antragungen heimgesucht wird, dieser zu erwehren, und auch um der Regression einen Riegel vorzuschieben, könnte ein letztes Mittel sein, ein „Werdet mündig!“ in die Menge zu rufen, mit gefalteten Händen über dem Mieder und den Blick schräg gen Himmel gerichtet (den Jungfrau-Maria-Statuen in nichts nachstehend). Und, im Falle der Wirkunglosigkeit, mit stechendem Blick das Gegenüber fixierend im Stakkato nachzusetzen mit: „Die Mutti hat’s gesagt!“

*Das weiche D in „Muddi“ ist ein Idiom des hessischen Dialekts

Text: Gabi Perabo
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