Jährliche Archive: 2018


De Consolatione Philosophiae

… Und uns?! … … uns, Schatzi, uns scheint derzeit nicht mehr und nichts Besseres zu tun zu bleiben, als dass wir das anscheinend unvermeidbare Herabsinken der zivilisierten Umgangsformen in Mitteleuropa schreibend begleiten. (Bekanntlich ist es gar nicht so lange her, dass man höflichkeitshalber davon Abstand nahm, jenes massenhafte Ersaufen von Negern und/oder Islamisten im Mittelmeer auch noch lautstark grölend abzufeiern, das man als stabil schweigende Mehrheit bislang bloß billigend zur Kenntnis genommen hatte …) Blöd, dass der Erkenntniswert unserer diversen Empörungen verschwindend gering bleiben muss, auch und gerade dann, wenn diese Empörung rechtschaffen, treuherzig und rhetorisch brillanter als […]


Tempo mit Ablaufdatum

Es gibt einen hochbegabten Ex-Politiker aus einem kleinen Bundesland, das selbigem zu klein wurde, nachdem er höhere Sphären vermittels österreichischer Bundesregierung hat schnuppern dürfen. Dieser von der Natur mit außerordentlichen sprachlichen Talenten gesegnete Herr kann neben dem Kunststück, im Jahr 2018 in einen Aufsichtsrat für den Brennerbasistunnel gehievt zu werden, auch die Meisterleistung an seine Fahnen heften, dass auf einer Autobahn mit 160 Sachen gebrettert werden durfte. Jedenfalls ist diese Idee so toll, dass der aktuelle Verkehrsminister eine ganz ähnliche Idee nun auf den Tisch knallt, aber es weniger ungeschickt anstellt als seinerzeit das im Vorarlberger Minimundus eingeklemmte Genie. […]


Global Player

In einer der frühen Stunden um 2006 sagte mir ein Caritas-Mitarbeiter voraus, dass ich eine eigene Straßenzeitung gründen würde. Wir hatten doch eine. Das Megaphon wurde damals von Judith Schwentner, spätere Nationalrätin der Grünen, geführt. In Wien etablierte sich damals „Die Bunte Zeitung,“ eine Straßenzeitung, die von Di-Tutu Bukasa um den Verein „Sans Papiers“ gegründet wurde. In der Mariahilferstraße in Graz, wo heute das Capperi Italia-Nostalgia spielt, war damals ein Literaturcafé, das mit einem Behindertenprojekt gekoppelt war. Dort traf ich den Schriftsteller und Journalisten Ruud van Weerdenburg, der mich auf eine Lesereise aufmerksam machte und mich einlud, für „Die […]


Mangel

Der holländische Architekt Rem Kolhaas hat in einem Interview die Feststellung gemacht, es herrsche ein Mangel an Mangel. Treffender kann das derzeitige Dilemma nicht auf den Punkt gebracht werden, ein Dilemma in Gegenden wie Europa und USA und ein paar noch dazu, wohlgemerkt. In ziemlich vielen anderen Gegenden herrschen durchaus keine Mängel an Mangel. Und damit dieser Mangel bleibt, wo er herkommt, setzen wir alles in Bewegung, um einen nun schon Jahre dauernden Stillstand in der Evolution der Globalisierung einzuzementieren. Ein paar Zahlen: Im Syrienkrieg wird die Zahl der Toten über den Daumen auf eine halbe Million geschätzt. Es […]


3400 Rundsemmeln

Im Spätsommer 2015 war ich mit einem Jugend-am-Werk-Bus mit in die Schwarzl-Halle gefahren, um die spontane Hilfeleistung des Fachtrainers direkt mit der Kamera zu begleiten. Ein Kurzvideo entstand, das das Facility Management wieder von der Youtube-Liste nehmen ließ. Eine für mich unverständliche Maßnahme. Vielleicht wollte man den Menschen kein öffentliches Gesicht geben, die damals busweise von der Schwarzl-Halle nach Braunau gefahren wurden – dann weiter nach Bayern/Deutschland. Am Sonntag, den 08.07.2018 zeigt Heinz Trenczak den ersten Rohschnitt von 3400 Semmeln. Auch dieser Dokumentarfilm hatte seinen Anfang in der Schwarzl-Halle. Damals wurden 3400 Semmeln für die ankommenden Flüchtlinge bestellt. Der […]


Vademekum zu APES**T

Das Hiphop-Gesamtkunstwerk, als welches wir die öffentlich ausgetragene Beziehungs- und Identitätskrise der Eheleute Carter bestaunen dürfen, hat nach Beyoncés “Lemonade” und Jay-Zs “4:44” ein drittes Kapitel: “Everything is Love“. Liegt eine damit abgeschlossene Trilogie vor? … Auf sehr altdeutsche Weise scheint sogar der Hegel’sche Dreischritt draufzupassen – von den “privaten” Emotionen der Alten (These) über die öffentliche Existenz ihres Hawis (Antithese) zur äh öffentlichen Zweisamkeit (Synthese). Bereits für die beiden Soloalben galt, dass das Aushandeln privater-körperlicher-emotionaler Sachverhalte über die Bande von Einträgen in den Diskurs afroamerikanischer Identitätspolitik/en gespielt wurde – oder man liest’s umgekehrt, und das körperliche/emotionale Zeug ist […]


Viele Hochzeiten und ein Bundeskanzler

Je weniger vom österreichischen Bundeskanzler in Österreich zu hören ist, umso erstaunlicher ist, zu welchen Geschichten er gar nichts sagt. Nun ging er auf Reisen. Daheim war es ohnehin gerade eher ungemütlich, da ist eine kleine Abwechslung ins gelobte Land willkommen. Folgendes trug und trägt sich nämlich im eigenen Hause zu: Ein Innenminister, der gerne das Land mit berittener Polizei verzieren möchte, ist parallel dazu sogar zu unfähig, ein Ministerium blau einzufärben. Das Ablenkmanöver mit den Rössern hilft nicht. Alle suspendierten Komfortbremsen kommen zurück wie Bumerangs. Was alles an Informationen erwiesenermaßen beschlagnahmt wurde, lässt staunen und hoffen, dass nicht […]


Die Gruppe – das Forum

Wie viele Kunst-Arbeitsgruppen verträgt Graz? Es dringt eine altersdramatische Spannung in den Raum, wenn Alfred Kolleritsch mit dem Rollstuhl in „sein Forum“ geführt wird. Man wünscht ihm die Auferstehung der Kurgäste in den „geretteten Köchen“ – ein Film, den ich 1998 für den steirischen herbst drehen durfte. Im ersten Stock des Forums hat der Grazer Filmregisseur Markus Mörth sein Filmprojekt „Grazer Gruppe“ zur Vorstellung vorbereitet, eine Zeitreise ins Gründerstadium der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die alten Fotografien und 8-mm-Sequenzen tragen eine Patina Zeitgeschichte in sich, die sich nun in dem Dokumentarfilmprojekt erzählen möchte. Kolleritsch und Bauer bilden dabei […]


Der Schrei nach Veränderung

Es gibt für Menschen unzählige Gefühle. Sympathie, weniger Sympathie, Liebe, Hass, Neid, Angst. Es wird viel Werbung in diesem Land für die letzten beiden gemacht. Manche scheinen Angst und Neid schon immer zu haben und meinen seit einiger Zeit, dass es an selbiger wäre, dass der Rest des Landes nun auch endlich Angst hat, vor anderen Menschen, die zum Beispiel keine blauen Augen haben, zu wenig saufen, zu wenig oder keine Pomade in ihre Haare schmieren oder zu wenig blöd sind. Das funktioniert auch ganz gut. Ganz nebenbei wird ein Gefühl suggeriert, dass es wirtschaftlich gar nicht gut aussieht […]


Die dritte Halluzination zur Lage der Nation: Gartengnome, Powerpoint und Facebook

Anmerkungen zum, äh, “journalistischen” Teil des folgenden Textes: (a) In die Rechtschreibung unten zitierten Posts wurde nicht eingegriffen. (b) Um die Identifizierbarkeit der Beteiligten zu erschweren, wurden selektive Auslassungen in den Wortmeldungen vorgenommen. (c) Sollte dennoch eineR von ihnen einen guten Grund haben, die Entfernung des Beitrags zu wünschen, nehmen wir ihn gerne offline. Weiter im Text: Zwei sorgfältig animierte Gartengnome mit detailgetreu im sanften Wind wippenden Wichtelmützen betreten den Parkplatz vor dem Vorgarten vor dem Mehrparteienhaus. Aus den zahlreichen Rosen- und Hortensienbüschen am Zaun dringt vielstimmig, gerendert als ein Summen von Insekten und ein Tirilieren von Vögelchen zugleich, […]


Inselbewusstsein

Das Murinsellicht hat genügend GrazerInnen auf die Insel gebracht. In Farbe erstrahlt die Metallmuschel anders als im Tageslicht. Die Insel ist zwischenzeitiger Hotspot für die verschiedensten Veranstaltungen geworden: Sommerkino, Storytelling-Festival und hochkarätige Konzerte. Erst unlängst spielte Georg Altziebler mit seiner Band Son of the Velvet Rat auf der Insel. Die Brücke nach Amerika war gelegt, sie hatte nun weiteren Bestand nach Vito Acconcis Tod. Als ich unlängst ein Gedicht der US-Autorin Bernadette Mayer las, wurde mir der Designbegriff deutlicher – „thats design.“ Die Acconci-Freundin brachte etwas Licht ins Dunkel, vor allem brachte sie Sprache ins Zentrum, vom Hudson zur […]


Vorbei sein ist alles

Ein eitles Bin-schon-weg-Spiel hat ein Oberösterreicher mit Arbeitsplatz in Kärnten gespielt, er hat es sogar zu Ende gespielt. Sein Nachfolger spielt gar nichts, der ist einfach da, überreizt, vom eigentlich Nichtdagegenseindürfen genervt, falsche Bühne, falsche Rolle, falsches Stück. Der Kanzler ist einfach nicht da, wenn es unangenehm ist. Fragen beantwortet er nicht. Das alles ist vollkommen belanglos im Vergleich zu dem, was gerade anderswo vor sich geht. Nämlich die völlige Loslösung von allem. Es geht um ein Leo, in dem niemand erreicht werden kann. Ein Ort, an dem es keine Rolle spielt, ob jemand schon oder noch da ist […]